{"id":32,"date":"2015-05-01T23:28:49","date_gmt":"2015-05-01T21:28:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.belart.net\/wordpress\/?p=32"},"modified":"2015-05-01T23:29:39","modified_gmt":"2015-05-01T21:29:39","slug":"kommentar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.belart.net\/wordpress\/index.php\/2015\/05\/01\/kommentar\/","title":{"rendered":"Verdichten oder verdr\u00e4ngen?"},"content":{"rendered":"<p>Lieber Herr Canonica<\/p>\n<p>Das Interview mit Jacques Herzog war sehr anregend. Es gelang Ihnen dabei, einen Dialog zu entwickeln, der weit \u00fcber das \u00fcbliche Fragen und Antworten hinausgeht. Dies beinhaltet Ihrerseits zwangsl\u00e4ufig einen gewissen Drang, nicht nur Fragen zu stellen, sondern den Gespr\u00e4chspartner mit Meinungen zu konfrontieren um seinen Widerspruch zu provozieren. Das Risiko dabei liegt darin, dass der Interviewer dabei unreflektierte und entlarvende Feststellungen von sich gibt:<\/p>\n<p>\u00abVerdichten heisst immer auch Verdr\u00e4ngen\u00bb<\/p>\n<p>Herzogs widersprechende Antwort ist subtil, findet jedoch im letzten Satz dieses Abschnittes die treffende und entlarvende Widerlegung Ihrer medial wirksamen, aber falschen Behauptung:<\/p>\n<p>\u00abDas Problem ist, dass die extremen Kreise sowohl der Linken\/Gr\u00fcnen als auch der Nationalkonservativen solche Projekte bisher erfolgreich blockiert habe.\u00bb<\/p>\n<p>Verdichten heisst eben nicht verdr\u00e4ngen, sondern genau das Gegenteil. Wenn Sie mit \u00abVerdichten\u00bb meinen, dass auf einem Grundst\u00fcck ein Ersatzneubau ein bisschen mehr Geschossfl\u00e4chen aufweist als der Altbau, der daf\u00fcr weichen musste, im Neubau aber weniger Menschen wohnen als vorher und mehr daf\u00fcr bezahlen, dann gebe ich Ihnen recht, dass das auf Kosten der \u00f6konomisch Schwachen geht. Sie meinen aber nicht die Verdichtung, sondern die Gentrifizierung.<\/p>\n<p>Wenn in der Schweiz richtig verdichtet w\u00fcrde, dann g\u00e4be es keine Gentrifizierung. Dazu zwei Beispiele auf unterschiedlichen r\u00e4umlichen Ebenen, welche gleichzeitig die Haltung der beiden von Herzog genannten politischen Pole repr\u00e4sentieren:<br \/>\n&#8211; Die Stadt Z\u00fcrich soll nach Meinung der rot-gr\u00fcnen Stadtregierung m\u00f6glichst so bleiben, wie sie ist. Die Verdichtung wird in hom\u00f6opathischen Dosen verabreicht. Sinnbildlich daf\u00fcr ist die neue Bau- und Zonenordnung. Die Folge davon: Verdr\u00e4ngung in die Agglomeration.<br \/>\n&#8211; Die Schweiz soll nach Meinung der nationalkonservativen Kreise m\u00f6glichst so bleiben, wie sie ist. Ausl\u00e4nder sind willkommen als Arbeitskr\u00e4fte, aber nicht als Mitglieder der Gesellschaft. Die Folge davon: Verdr\u00e4ngung und Abschottung.<\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige, real existierende Konsens der politischen Pole sorgt f\u00fcr die genannte Verdr\u00e4ngung. Nicht zu verdichten heisst verdr\u00e4ngen. Das ist die gegenw\u00e4rtige Situation in der Schweiz, welche auf einer vielleicht unbewussten, aber medienwirksam ausgeschlachteten politischen Giftmischung basiert.<\/p>\n<p>Jacques Herzog hat Sie also entlarvt. Als Schweizer, der den Esel meint, aber den Sack schl\u00e4gt. Oder einfach den F\u00fcnfer und das Weggli will. Die Schweiz soll prosperieren und wachsen, aber sich dabei ja nicht ver\u00e4ndern. Und die, die etwas daran \u00e4ndern wollen, predigen die Verdichtung, also ist man dagegen und findet noch ein sozial klingendes Argument dagegen.<\/p>\n<p>Richtig zu verdichten ist eine geeignete Strategie f\u00fcr die Schweiz, um die Herausforderungen der Zukunft auf soziale, \u00f6kologische und wirtschaftliche Art zu l\u00f6sen. Die bestehenden Bauzonen bieten gen\u00fcgend Platz, um ein kr\u00e4ftiges Bev\u00f6lkerungswachstum aufzunehmen, urbane, durchmischte R\u00e4ume zu gestalten sowie Kulturland und Natur zu erhalten. Es wird integriert, nicht verdr\u00e4ngt. Die \u00abF\u00fcnfer und Weggli\u00bb-Mentalit\u00e4t der Schweizer hingegen birgt das Risiko, aufgrund des zwanghaften Ballenbergisierens und Konservierens der bestehenden Siedlungen, kombiniert mit dem Druck des Wirtschaftswachstums schlussendlich den Siedlungsbrei \u00fcber die restlichen Gr\u00fcnfl\u00e4chen zu ergiessen. Notabene mit \u00fcberproportionalen Infrastrukturkosten, weil jeder doch sein H\u00e4uschen m\u00f6chte. Am Schluss sind der F\u00fcnfer und das Weggli weg, obwohl man beide so gerne gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Viktor Giacobbo und Mike M\u00fcller haben es am Sonntagabend auf den Punkt gebracht, mit dem Risiko, ins Zynische abzugleiten: Fl\u00fcchtlinge ertrinken im Mittelmeer, obwohl wir noch Platz f\u00fcr fast 3 Millionen Menschen haben, ohne einen Quadratmeter Naturraum ausserhalb der Bauzonen zu \u00fcberbauen. Im Gegensatz zur Magazin-Redaktion haben die beiden Satiriker es begriffen: Nicht zu verdichten, heisst verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>David Belart, Architekt, Z\u00fcrich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber Herr Canonica Das Interview mit Jacques Herzog war sehr anregend. Es gelang Ihnen dabei, einen Dialog zu entwickeln, der weit \u00fcber das \u00fcbliche Fragen und Antworten hinausgeht. 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